• Lesenswertes

    Der Hundehalter des Hundehalters größter Feind?

    Eine Mutter kommt mit ihrem Kind zu Besuch. Noch während man die Tür aufmacht, springt einem das Kind entgegen. „Ooooooh, wer bist denn du? Hä?Hä? Ich bin der Kevin, ooooh du bist ja lustig, sollen wir spielen? Sollen wir?

    Ooooh du hast ja Brüste?“ *patsch* Hat man auch schon die Hände des Kevins dort, wo man sie nicht haben möchte.

    Fassungslos starrt man die Mutter an. „Ach der Kevin ist immer so verspielt.“, sagt die Frau lächelnd. Immer noch sprachlos führt man die Mutter mitsamt umherrennenden Kind in den Garten. Die dort freilaufenden Hauskaninchen erwecken natürlich sofort Kevins Aufmerksamkeit.

    Ohne zu zögern stürzt er auf sie zu und rennt ihnen nach, während die Kaninchen panisch vor dem wilden Kevin davon rennen. „Hach, der bekommt sie ja eh nicht. Der will ja nur spielen. Schau mal was für einen Spaß er hat.“ Tatsächlich hat der Kevin grade einen riesigen Spaß. Die Kaninchen allerdings nicht. Plötzlich hält Kevin inne. Kurz hat man die Hoffnung, dass er zur Besinnung gekommen wäre, doch da läuft er schnurstracks ins Gemüsebeet, zieht die Hosen runter und kackt auf die Erdbeeren. „Kevin was machst du da? Hör auf in mein Essen zu machen! Das ist eklig!“

    „Was fährst du meinen Liebling so an?“, faucht die Mutter einen an „Was mein Kind darf und was nicht, bestimme immer noch ICH. Solche Leute wie du sollten am besten keine Kinder haben!“ Wütend nimmt sie endlich ihren Jungen an die Hand und geht.

    Eine völlig abstruse Geschichte? Sicherlich, wenn man von einer Geschichte einer Mutter mit ihrem Kind ausgeht. Viele Hundehalter verhalten sich aber tatsächlich so. Erziehung scheint überbewertet. Fremdes Eigentum wird nicht wertgeschätzt. Grundsätzlich ist alles nur dafür da, damit der eigene Hund sich entfalten kann. Und wehe dem, der dagegen dann etwas sagt. Es scheint Trend zu sein, sich völlig rücksichtslos zu verhalten. Der Hund darf sich auf Kosten anderer frei entfalten. Wer etwas dagegen hat, ist natürlich völlig unwissend, egoistisch und unfähig.

    Kindererziehung vs. Hundeerziehung. Schon als Kind lernt man fremdes Eigentum zu respektieren und nicht kaputt zu machen. Schon als Kind lernt man auf den Wegen zu bleiben, keine Beete zu betreten und keine Tiere zu ängstigen. Hunde dagegen dürfen genau das. Männer die wild pinkeln, finden alle eklig. Aber dass der Hund sämtliche Vorgärten und Hauswände markiert, ist natürlich völlig ok. Dass der Hund durch die Felder läuft, seinen Kot in das Essen anderer Leute oder auch anderer Tiere platziert, ist natürlich auch völlig ok. Das gehört zur freien Entfaltung des Vierbeiners halt dazu. Während man Kindern noch sagt, dass sie freundlich zu ihren Mitgeschöpfen sein sollen und sie nicht ärgern sollen, ist es natürlich völlig in Ordnung, wenn der Hund seine Mitgeschöpfe zu Tode ängstigt und dabei womöglich sie in den sicheren Tod (sei es durch Schreck oder durch Straßen) treibt. Hauptsache der Hund hat seinen Spaß und kann sich mal ganz ungeniert „ausleben“.

    Der eigene Hund als Punchingball. Die schlimmsten Auswüchse dieser rücksichtslosen Hundehalter bekommt man am ehesten mit, wenn man selber Hundehalter ist. Der eigene Hund wird schnell zum Auslebungsobjekt für andere Hunde. Nimmt man den eigenen Hund an die Leine und bittet dem entgegenkommenden Hundehalter das dem gleichzutun, geht es oft los. „Der tut nix“ schallt es Einem entgegen, während die 40KG Labratonne einem entgegen rollt.

    Dass der eigene Hund vielleicht etwas tut, weil er auf so eine unhöfliche Annäherung eines Artgenossen (wie erinnern uns an Kevin, der uns an die Brüste gepackt hat) entsprechend aggressiv reagiert, dass der eigene Hund aufgrund von schlechter Erfahrung ängstlich ist und dementsprechend aggressiv oder auch panisch reagiert, dass der eigene Hund vielleicht grade krank ist, Schmerzen hat und aufgrund dessen entsprechend reagiert oder gar ansteckend ist, dass der eigene Hund läufig ist und dementsprechend keinen Kontakt haben sollte um ungewollten Nachwuchs zu verhindern, dass der eigene Hund auch mal zu Trainingszwecken lernen soll, dass nicht jeder entgegenkommende Hund Spielpartner ist, dass der eigene Hund grade eine Übung absolviert, bei der man keine Störungen wünscht, dass man selber aufgrund schlechter Erfahrungen Angst hat vor einer Hundebegegnung, ist völlig egal.

    Der „Tut-Nix“ ist nämlich meistens kein „Tut-Nix“, sondern einfach nur ein „Hör-Nix“. Die „Tut-Nixe“ entpuppen sich erstmal angekommen schnell zu „Tut-Wase“. Mit Glück wird der fremde Hund wenigstens eingesammelt. Mit Pech wird man beschimpft, weil – ja warum eigentlich? Einen triftigen Grund gibt es dafür nicht, außer dass solche rücksichtslose Hundehalter Egomanen sind (man verzeihe an dieser Stelle meine Ausdrucksweise, aber auch mir fehlen manchmal die Worte), die auf Kosten anderer ihre Erziehungsunfähigkeit ausleben möchten. Und dann gibt es noch die ahnungslosen Hundehalter, die sich eher wie Zombies, als wie denkende Wesen verhalten. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, im engen Begegnungsverkehr den eigenen Hund auf die abgewandte Seite zu nehmen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, den Hund nicht ungefragt angeleint zu einem anderen angeleinten Hund zu lassen. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, mit seinem aggressiven Hund nicht geradewegs auf einen anderen Hund zuzusteuern.

    Aber stattdessen darf der eigene Flexi-Leinen-Hund mal eben über die Straße rennen um am Popo des anderen Hundes zu schnüffeln, der diese Unverfrorenheit entsprechend quittiert. Stattdessen lässt man seinen Hund an der 2m Leine den ganzen Weg einnehmen, während der andere Hundehalter zusehen darf, wie er sich irgendwie daran vorbei schlängelt, ohne das Kontakt zustande kommt. Stattdessen darf man den eigenen Hund hinter sich halten, um abwehrbereit den nur wenige Zentimeter an einem vorbeibeißenden Hund abzuwehren. Einsehen? Fehlanzeige! Wenn man versucht das Gespräch zu suchen und zu erklären, warum der eigene Hund keinen Kontakt wünscht, warum man Hunde nicht einfach über das frisch eingesäte Feld rennen lassen sollte, warum es gar nicht lustig ist, wenn andere Tiere gejagt werden, stößt man in den meisten Fällen auf taube Ohren. Viele Menschen greifen solche Gespräche, egal wie freundlich und sachlich sie formuliert sind, als Einmischung in die Erziehung auf und dies ist nicht erwünscht. Fehler einzugestehen ist nicht leicht, und nicht jeder kann in solchen Fällen seinen Irrtum einsehen. Hinzu kommt eine „Hauptsache Ich“-Mentalität, die in der heutigen Gesellschaft immer erstrebenswerter erscheint, denn wer seine persönlichen Interessen nicht vehement durchsetzt, läuft Gefahr „unterzugehen“.

    So manch Hundehalter hatte selber auch schon negative Erfahrungen mit Radfahrern, Passanten, Bauern, Jägern oder anderen Hundehaltern. Agiert wird frei nach dem Motto „warum soll ICH denn immer Rücksicht nehmen, wenn die Anderen es auch nicht tun?“ Und so stoßen selbst nett gemeinte Erklärungen schnell auf Ablehnung beim Gegenüber, der diese mit Glück dann nur ignoriert, sich aber mit Pech mit Beschimpfungen oder gar Schlimmerem revanchiert. Die Konsequenzen: Eine Belastung für alle. Die Folgen sind nicht nur unangenehme Begegnungen, sondern auch immer striktere Verordnungen und auferlegter Leinenzwang, was letzten Endes einer Kollektivbestrafung gleich kommt.

    Außerdem werden Hundehalter in ein schlechtes Licht gerückt. Schlechte Erfahrungen brennen sich bei Menschen besonders tief ein. Hinzu kommt, dass Menschen dazu neigen zu übergeneralisieren und einzelne Verhaltensweisen auf die Persönlichkeit zuzuschreiben. Und so kommt es schnell zu Äußerungen wie „Hundehalter lassen überall den Kot ihrer Viecher liegen“, „Die lassen ja eh immer ihren Köter frei laufen“, „Hundehalter haben ihre Hunde doch gar nicht im Griff“, „Freilaufende Hunde sind gefährlich“ und so weiter. Dies führt natürlich wieder zu Problemen im Miteinander und selbst wenn man einen gut erzogenen Hund hat, kann es passieren, dass man Ärger bekommt mit Bauern, Jägern, Passanten oder Radfahrern. Die schlimmste Folge sind sicherlich Giftköder, die ausgelegt werden um Hunden zu schaden.

    Was sollen Hundehalter tun? Nun kann man sich über diese Missstände beschweren und aufregen, wenn mal wieder etwas nicht gelaufen ist wie gewünscht, und seinem Unmut bei anderen kund tun. Das mag befreiend sein, bringt aber nichts um etwas zu ändern. Hier spielt sicherlich auch Aufklärung eine wichtige Rolle. Insbesondere die Trainer, ob im Verein oder der Hundeschule, sind gefragt die Hundehalter über die Regeln des Miteinanders aufzuklären. Aber auch die Hundehalter können selbst dafür sorgen, dass sie positiv wahrgenommen werden. Dies beugt Hundehass und Hundeangst vor, genauso wie gesetzlichen Zwangsmaßnahmen. Und sie haben auch eine nicht zu unterschätzende Macht gegenüber anderen Hundehaltern. Um dies zu verdeutlichen und damit klar zu machen, wie enorm wichtig es ist, als Vorbild zu agieren, möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Ausflug in die Psychologie machen, genauer gesagt in die Sozialpsychologie.

    Das Experiment:

    Es gab ein sehr bekanntes Experiment, bei dem man wissen wollte, wann Menschen erwünschte Verhaltensweisen durch eine soziale Einflussnahme am wahrscheinlichsten zeigen. (Reno, Cialdini & Kallgren (1993): The transsituational influence of social norms. Journal of Personality and Social Psychology, 64, 104-112) Dafür ließ man Besucher einer Stadtbibliothek zu ihrem Auto laufen. An diesem angekommen, fanden sie einen Flyer an der Windschutzscheibe. Für die Forscher stellte sich nun die Frage, unter welchen Bedingungen die Leute den Müll mitnahmen (=erwünschtes Verhalten) und sie ihn nicht auf den Boden warfen. Hierfür wurde zuerst die Umgebung manipuliert. Die Leute die zu ihrem Auto liefen, fanden entweder einen sauberen Parkplatz vor oder einen vermüllten. Es überrascht wenig, dass die Leute, die auf einen sauberen Parkplatz kamen, eher ihren Müll mitnahmen, als die Leute die auf den vermüllten Parkplatz kamen. Diese warfen den Flyer häufiger auf den Boden, nach dem Motto „wenn es alle machen, wird es schon recht sein“. Nun brachten die Forscher aber noch einen Helfer ins Spiel. Dieser lief vor den Versuchsteilnehmern her und warf in einer Versuchsbedingung Müll auf den Boden, und hob in einer anderen Versuchsbedingung Müll vom Boden auf. Damit symbolisierte er, dass es nicht richtig ist, Müll wegzuwerfen. Was hatte nun den größten Einfluss auf die Versuchsteilnehmer? Wann würden sie am ehesten das erwünschte Verhalten zeigen? Tatsächlich hatte den größten Einfluss der Helfer, der Müll aufhob. Und dies sogar auf einem verschmutzten Parkplatz! Dies ist nur eine Studie von vielen, die zeigt, dass man ganz maßgeblich dazu beitragen kann, dass sich an die Regeln des Miteinanders gehalten wird.

    Der Grund ist ein ganz simpler: Wir Menschen sind soziale Lebewesen, denen es wichtig ist in der Gesellschaft nicht anzuecken. Wir verhalten uns konform, um nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Soziale Regeln sind nicht immer derart präsent, dass sie auch immer befolgt werden. Sie werden aber präsent, wenn Situationen darauf hinweisen, was erwünscht ist und was nicht. Was heißt das also für uns Hundehalter? Wir können andere mit unserem Verhalten beeinflussen und zu erwünschtem Verhalten bringen. Als soziale Gruppe der Hundehalter können wir sogar Druck ausüben, sofern wir gemeinsam ein rücksichtsvolles Miteinander in dem Regeln herrschen vorleben. Selbst das Aufheben von Kot auf einem bereits völlig verkoteten Grünstreifen, bringt andere Hundehalter dazu es gleichzutun. Wenn wir unsere Hunde in einer Begegnung unter Kontrolle haben, den Hund an die Seite nehmen und dem anderen Platz machen, damit er passieren kann, wird das einen Effekt auf den Beobachter haben.

    Wenn wir den Hund abrufen und vorher fragen ob Kontakt erwünscht ist, setzt dies Maßstäbe für den anderen. Je mehr dies tun, desto eher wird der andere sich daran orientieren. Wenn wir dabei freundlich bleiben, wird die Wahrscheinlichkeit nochmal höher, dass wir nachgeahmt werden, denn kompetente und sympathisch wirkende Menschen werden wahrscheinlicher nachgeahmt. Appell an Halter von Hunden WIR als Hundehalter setzen die Regeln des Miteinanders fest. WIR haben es in der Hand wie wir wahrgenommen werden und ob sich an sozialen Regeln gehalten wird. WIR können andere Menschen durch unser vorbildliches Verhalten beeinflussen und etwas bewirken.

    In diesem Sinne appelliere ich an alle Mithundehalter: Seid ein Vorbild, ihr habt es in der Hand! Erzieht eure Hunde, lasst sie nicht jagen oder auf fremde Menschen oder Hunde ungefragt zu rennen. Räumt den Kot weg. Seid aufmerksam, wenn ihr spazieren geht, nehmt Rücksicht auf die Befindlichkeiten und das Eigentum anderer und denkt daran, dass ihr in der Natur nur zu Gast seid und es der Lebensraum anderer Tiere ist, die ebenfalls ein Recht auf ein ungestörtes Leben haben. Natürlich kann es auch mal passieren, dass der eigene Hund ungefragt zu einem anderen Hund oder einem Menschen hinstürmt. Dann hilft es aber sich zu entschuldigen und daran zu arbeiten, damit es in Zukunft nicht wieder vorkommt. Autorin: Nina Dany (Planethund) Ein Text, absolut in meinem Sinn!